Brief aus Berlin (Auswahl)

Stasi-Mitarbeit des Westberliner Polizisten Kurras

29.05.2009
Sehr geehrte Damen und Herren,
 
die Enthüllung der Stasi-Mitarbeit des Westberliner Polizisten Karl-Heinz Kurras lässt das tatsächliche Ausmaß der Stasi-Beeinflussung der westdeutschen Geschichte in neuem Licht erscheinen. Mit dem tödlichen Schuss auf den Studenten Benno Ohnesorg am Rande der Demonstrationen gegen den Schah-Besuch im Juni 1967 durch das SED-Mitglied Kurras radikalisierte sich der studentische Protest. In den Köpfen von Millionen Menschen prägte sich ein negatives Bild vom Staat des Grundgesetzes ein. Viele Irrungen und Wirrungen im Namen des Marxismus und Sozialismus sollten folgen. Anfang der 70er Jahre berief sich auch die linksterroristische „Bewegung 2. Juni“ auf den Fall Ohnesorg und führte – später als „RAF“ – eine beschämende Reihe feiger Mordattentate durch.
 
Die Stasi hatte ihrem Mitarbeiter Kurras anscheinend keinen Schießbefehl gegeben. Verlogen war jedenfalls die große Empörung, mit der die SED-Propaganda auf den Tod von Benno Ohnesorg reagierte. Es wird immer klarer, dass das DDR-Regime höchst wahrscheinlich in viel größerem Umfang als bisher angenommen direkten oder indirekten Einfluss auf unsere Geschichte nahm. Zu erinnern ist an den Rücktritt Willy Brandts in Folge der Stasi-Mitarbeit seines Vertrauten Guillaume, den Stimmenkauf beim konstruktiven Misstrauensvotum 1972, die Stasi-Unterstützung von RAF-Terroristen und deren Unterschlupfgewährung, die Beeinflussung der westdeutschen Friedensbewegung der 80er Jahre u.v.m.
Die weitere Aufarbeitung der Stasi-Manipulationen unserer bundesdeutschen Geschichte ist dringend geboten. Einen Schlussstrich unter den Unrechtsstaat DDR darf es nicht geben.

Dokumente

Brief aus Berlin 6 / 2013
Zypern-Krise, Benzinpreise, vertrauliche Geburt u.a.
Brief aus Berlin 3 / 2013
Bildungsbericht, Berufsabschlüsse, Bundeswahlgesetz u.a.